Das Vorhaben

DAS PROJEKT

Seit Juni 2012 läuft am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie in Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus das „Karl-Kraus-Projekt", das sich die Neuorganisation des Karl Kraus-Archivs sowie die Erstellung einer materialbasierten Online-Biographie des Satirikers und Kulturkritikers Karl Kraus (1874–1936) zum Ziel gesetzt hat.

„Karl Kraus Online“ hat seine Basis in der Ordnung des Archivs und des Katalogs und will neue Perspektiven auf Kraus eröffnen, die in der bisherigen Kraus-Forschung und in den vorgängigen Biographien über Karl Kraus derart nicht präsent waren.

In Daten, Listen und Verknüpfungen wird das Subjekt Karl Kraus und sein Kontext entsprechend der Logiken alter Archivordnungen und eines neuen Mediums erstmals „vermessbar“ und nach jeweiligen Interessenslagen erforschbar. Entsprechend der Fragestellungen von UserInnen setzen sich die Teilchen immer wieder neu zusammen. Das ergibt kein rundes biographisches „Porträt“ von Karl Kraus – er wird vielmehr in seiner Vernetzung und Materialität erlebbar.

DER ANTI-BIOGRAPHISCHE ZUGANG

Eine wesentliche Voraussetzung dieses Konzepts war, dass nicht nur „Die Fackel“ im Rahmen des Austrian Academy Corpus komplett online und volltextdurchsuchbar bereits zur Verfügung stand, sondern auch die Werke von Kraus vollständig digitalisiert vorliegen.[1]

Es sollte also nicht um eine Werkanalyse und ebensowenig um eine neue biographische „Meistererzählung“ gehen. Vielmehr bot das Medium die Möglichkeit, Karl Kraus in seiner kulturgeschichtlichen Vernetzung zu zeigen und einen biographischen Raum zu öffnen, in dem er als „prominentes“ männliches Subjekt „in Beziehung“ gesetzt werden konnte, um neue Perspektiven auf ihn zu eröffnen. Der amerikanische Strukturhistoriker David E. Nye entwickelte in diesem Zusammenhang einen „anti-biographischen“ Ansatz, der – obwohl er selbstverständlich weiterhin auf eine Person fokussiert bleibt - die Rekonstruktion eines biographischen „Helden“ ablehnt. Um die Beliebigkeit biographischer Erzählung deutlich zu machen, löste er das biographische Subjekt durch das Gegeneinanderstellen von Materialien aus dem Nachlass und damit in verschiedenen Rollen auf. Die „vorgefundene“ Ordnung des Archivs und die „übersetzte“ Ordnung der biographischen Darstellung wurden dabei stets mitdokumentiert. Nye schrieb:

“This study rejects the existence of its subject […] and will not attempt to recapture him in language. […] The references in these pages lead not to a hero, but to yellowed papers, restored buildings, old photographs etc.”[2]

In „Karl Kraus Online“ konnte dieser Ansatz in seiner Materialität erweitert werden und neue Dimensionen (Quantitifizierbarkeit) miteinbeziehen (mehr dazu in: Vanessa Hannesschläger & Katharina Prager, Ernst Jandl and Karl Kraus – Two Lives in Bits and Pieces, 2015). In diesem Sinne wurden – basierend auf den Archivmaterialien und der Forschungslage – auch drei Rollen oder Cluster gewählt, die in der Forschung bisher weniger präsent waren und durch Text allein auch nicht in ihrer Komplexität und Vielfalt dargestellt werden konnten: DER VORLESER, DIE RECHTSPERSON und DER HERAUSGEBER. Diese drei Rollen interagieren selbstverständlich über Objekte, Personen, Institutionen und Orte miteinander und sind durchlässig.

DER VORLESER

Vor allem das multimediale und reichhaltige Material zum „Vorleser“ Karl Kraus versprach durch seine digitale Aufbereitung und Verknüpfung gewinnbringende Erkenntnisse und einen neuen Blick auf Kraus’ Vernetzung im europäischen Kulturleben. Kraus’ Vorlesetätigkeit wurde erst seit 2007 in der Forschung mehr Beachtung geschenkt.[3]

Die Grundlage dieser ersten „Rolle“ von Kraus bildete Christian Wagenknechts erstmalige Verlistung sämtlicher 700 Vorlesungen ("Ereignisse") in zeitlicher Abfolge.[4] Etwa 690 derzeit vorliegende Programmzettel ("Objekte") des Karl Kraus-Archivs, die auch in der Wienbibliothek Digital zugänglich sind, wurden darauf basierend neu katalogisiert, gescannt und OCR-gelesen/transkribiert. Aus dem Austrian Academy Corpus "Die Fackel" konnten Kraus’ Beschreibungen der Vorlesungen ("Ereignisse") mit Verweis auf die jeweilige Fackelnummer übernommen werden. Nun wird untersuchbar, ob und wann der Text des Programmzettels (Objekt) von der späteren Beschreibung des „Ereignisses“ in der „Fackel“ abwich. Wagenknechts Nummerierung der „700 Vorlesungen“ wurde beibehalten, es wurden aber auch Kraus’ Rezitationen der 1890er-Jahre als „Frühe Vorlesungen“ hinzugefügt.[5] (Kraus’ frühe Auftritte als Schauspieler und die Rundfunklesungen der 1930er Jahre wurden bisher noch nicht aufgenommen – eine Ergänzung ist angedacht.)

In einem weiteren Schritt wurden die Vorlesungen mit den an ihnen beteiligten oder teilnehmenden Personen, mit drei verschiedenen Kategorien von Institutionen (Spendenempfänger, Veranstalter, Vortragslokalitäten) und mit den Städten (Orten) verbunden, an denen sie stattfanden, um eine rasche und elaborierte Facettensuche zu ermöglichen. Zudem wurden für Karl Kraus wichtige Kategorien wie „Theater der Dichtung“, „Aus eigenen Schriften“, „Die letzten Tage der Menschheit“ und „Zum ersten Male“ getaggt, da sie durch eine Volltextsuche nicht gänzlich auffindbar wären – so wurden zum Beispiel „Die letzten Tage der Menschheit“ öfter nur als „Szenen“ am Programmzettel und in der „Fackel“ angeführt.

Ergänzend wurden Abrechnungen, Reiseunterlagen, Ankündigungen etc. als „Organisation“[6] gebündelt, um die ökonomischen Bedingungen und logistische Leistung hinter Kraus’ Vorlesetätigkeit sichtbar zu machen. Zeitungsausschnitte von Rezensionen, Briefe, Erinnerungen etc. lassen das „Publikum“[7] von Kraus’ Vorlesungen sichtbar werden. Wann immer möglich wurden die hier gezeigten Objekte auch direkt mit den Vorlesungen, auf die sie sich beziehen, verknüpft.

Existierende Tonaufnahmen in „O-Ton“,die vielfach vom Archiv der Österreichischen Mediathek digitalisiert und signalbearbeitet wurden, werden hier zu den Vorlesungen verlinkt, in denen Kraus diese sehr beliebten Texte vortrug. Teilweise basieren die Tonaufnahmen auf dem „Film“ von Albrecht Viktor Blum von 1934, der als einzigartiges Dokument Kraus als Vorleser auch heute noch visuell präsent macht. Diese beiden Medien ergänzen das umfangreiche Corpus von Dokumenten, das den „Vorleser“ Kraus in seiner Breite und Tiefe anders greifbar und „vermessbar“ macht, als das bisher in narrativen Darstellungen und Print-Listen möglich war. Eine „Statistik“ bietet schließlich in einigen Punkten Visualisierung der Datenmengen um den „Vorleser“ und schließt dabei an Kraus’ Berichterstattung über seine Vorlesungen an.

"Alle Personen" beziehungsweise "Alle Institutionen" dienen als Register und Übersicht, wobei über die Verknüpfungen innerhalb der Website hinaus keine weiteren Daten oder Kurzbeschreibungen zu den Personen / Institutionen geliefert werden - über mögliche Ausarbeitungen / Verlinkungen wird hier noch nachgedacht.

"Karl Kraus Online" ist ein Experiment und bleibt ein Work-in-Progress, das zahlreichen vorgängigen Projekten und vielen Personen zu Dank verpflichtet ist - für weiterführende Hinweise (auf fehlerhafte Verlinkung, Transkription und/oder Personen, die die Vorlesungen besuchten) und andere Anregungen durch Userinnen und User bin ich sehr dankbar (siehe: Kontakt).

Katharina Prager

Wien, Oktober 2015

[1] Karl Kraus Schriften, Digitale Bibliothek Suhrkamp.

[2] Zum (anti-)biographischen Konzept vgl. David E. Nye, The Invented Self: An Anti-biography, from the documents of Thomas A. Edison, Odense 1983.

[3] Vgl. Brigitte Stocker, Rhetorik eines Protagonisten gegen die Zeit. Karl Kraus als Redner in den Vorlesungen 1919 bis 1932, Wien 2013; Eiji Kouno, Die Performativität der Satire bei Karl Kraus: zu seiner „geschriebenen Schauspielkunst“, Berlin 2015.

[4] Christian Wagenknecht, Chronologisches Verzeichnis, in: Kraus Hefte 35/36, Oktober 1985.

[5] Zu Kraus' frühen Vorlesungen und dem Beginn seiner Vorlesetätigkeit ab 1910 vgl. Karl Kraus als Vorleser. Faksimile-Edition einer Schrift, die Karl Kraus nie ausgegeben hat. Mit einem Nachwort "Geschriebene Schauspielkunst" herausgegeben von Leo A. Lensing, Tübingen 2007.

[6] ebd.

[7] Zahlreiche Publikumsstimmen versammelte Friedrich Pfäfflin in: Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern, herausgegeben von Friedrich Pfäfflin, Göttingen 2008. Auch Martina Bilke ging in ihren "Zeitgenossen der Fackel" (München 1981) auf Publikum und Organisation der Vorlesungen ein. Weiters brachten die Kraus-Hefte immer wieder "Ohrenzeugenberichte" der Vorlesungen (vgl. u.a. Heft 37, Januar 1986)