Das Vorhaben

!!! ACHTUNG: PARATEXTE IN ARBEIT !!!

DAS PROJEKT

"Karl Kraus Online" ist ein Projekt der Wienbibliothek im Rathaus und des Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie, dessen Basis das Karl Kraus-Archiv bildet. Nachdem nicht nur Die Fackel des Austrian Academy Corpus online komplett zur Verfügung stand, sondern auch die Werke des Satirikers und Kulturkritikers Karl Kraus (1874–1936) vollständig digitalisiert vorlagen [Digitale Bibliothek Suhrkamp], bestand das Ziel darin, neue Perspektiven auf Kraus in drei Rollen zu eröffnen.

In einer materialbasierten Anti-Biografie (die selbstverständlich immer eine Biografie bleibt) soll Karl Kraus in seiner kulturgeschichtlichen Vernetzung gezeigt werden. In biografischen Räumen oder Rollen wird er als „prominentes“ männliches Subjekt "in Beziehung" gesetzt – zu Ereignissen, Personen, Institutionen, Objekten sowie Daten und Orten. Die "vorgefundene" Ordnung des Archivs und die "übersetzte" Ordnung der biografischen Darstellung werden dabei stets mitdokumentiert.

In diesen Daten und ihren Verknüpfungen werden Karl Kraus und seine Umgebungen (entsprechend der Logik alter Archivordnungen und eines neuen Mediums) erstmals "vermessbar" und nach jeweiligen Interessenslagen erforschbar. Entlang der Fragestellungen von Usern und Userinnen setzen sich Archivmaterial und dazugehörige Daten immer wieder neu zusammen. Das ergibt – alten und neuen biografietheoretischen Forderungen Rechnung tragend – kein rundes biografisches "Porträt" eines Helden, sondern biografische "bits and pieces", die verschiedene Möglichkeiten aufzeigen und damit als Experiment auch die Beliebigkeit biografischer Erzählungen deutlich machen.

Zum Weiterlesen: David E. Nye, The Invented Self: An Anti-biography, from the documents of Thomas A. Edison, Odense 1983; Vanessa Hannesschläger & Katharina Prager, Ernst Jandl and Karl Kraus – Two Lives in Bits and Pieces, 2015; Katharina Prager, „Einer, der’s gut mit mir meint, vermißte meine Biographie“ – Anti/Biographische Affekte um Karl Kraus, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Leverkusen (Budrich Journals) 1+2 /2015, 266–280; Katharina Prager  & Vanessa Hannesschläger,  From »Anti-Biography« to Online-Biography – Commenting on David E. Nye: Post-Thomas Edison, in: Wilhelm Hemecker/Edward Saunders (Hg.), Biography in Theory. A Reader, De Gruyter, Berlin 2017, 256–262.

Basierend auf den Archivmaterialien und der Forschungslage wurden folgende drei Rollen oder Cluster erarbeitet:

DER VORLESER

Vor allem das reichhaltige, multimediale Material zum "Vorleser" Karl Kraus versprach durch seine digitale Aufbereitung (bis Oktober 2015) gewinnbringende Erkenntnisse und einen neuen Blick auf Kraus’ Vernetzung im europäischen Kulturleben. Erst seit 2007 wurde Kraus’ Vorlesetätigkeit in der Forschung mehr Beachtung geschenkt.

Die Grundlage dieser ersten "Rolle" von Kraus bildete Christian Wagenknechts erstmalige Verlistung sämtlicher 700 Vorlesungen ("Ereignisse") in zeitlicher Abfolge. Etwa 690 derzeit vorliegende Programmzettel ("Objekte") des Karl Kraus-Archivs wurden darauf basierend neu katalogisiert, gescannt und OCR-gelesen/transkribiert. Aus dem Austrian Academy Corpus "Die Fackel" konnten Kraus' Beschreibungen der Vorlesungen ("Ereignisse") mit Verweis auf die jeweilige Fackelnummer übernommen werden. Nun wird untersuchbar, ob und wann der Text des Programmzettels (Objekt) von der späteren Beschreibung des "Ereignisses" in der Fackel abweicht. Wagenknechts Nummerierung der 700 Vorlesungen wurde beibehalten, es wurden aber auch Kraus’ Rezitationen der 1890er-Jahre als Frühe Vorlesungen hinzugefügt. (Kraus' frühe Auftritte als Schauspieler und die Rundfunklesungen der 1930er Jahre wurden bisher noch nicht aufgenommen.)

In einem weiteren Schritt wurden die Vorlesungen mit den an ihnen beteiligten oder teilnehmenden Personen, mit drei verschiedenen Kategorien von Institutionen (Spendenempfänger, Veranstalter, Vortragslokalitäten) und mit den Städten (Orten) verbunden, an denen sie stattfanden, um eine elaborierte Facettensuche zu ermöglichen. Zudem wurden inhaltlich wichtige Kategorien wie "Theater der Dichtung", "Aus eigenen Schriften", "Die letzten Tage der Menschheit" und "Zum ersten Male" getaggt, da sie durch eine Volltextsuche nicht immer auffindbar wären – so wurden zum Beispiel "Die letzten Tage der Menschheit" öfter nur als "Szenen" am Programmzettel und in der Fackel angeführt. Ergänzend wurden Abrechnungen, Reiseunterlagen, Ankündigungen etc. in Organisation gebündelt, um die ökonomischen Bedingungen und logistische Leistung hinter Kraus' Vorlesetätigkeit sichtbar zu machen. Zeitungsausschnitte von Rezensionen, Briefe, Erinnerungen etc. lassen das Publikum von Kraus' Vorlesungen sichtbar werden. Wann immer möglich wurden die hier gezeigten Objekte auch direkt mit den Vorlesungen, auf die sie sich beziehen, verknüpft. Existierende Tonaufnahmen in O-Ton, die vielfach vom Archiv der Österreichischen Mediathek digitalisiert und signalbearbeitet wurden, werden hier zu den Vorlesungen verlinkt, in denen Kraus diese sehr beliebten Texte vortrug. Teilweise basieren die Tonaufnahmen auf dem Film von Albrecht Viktor Blum von 1934, der als einzigartiges Dokument Kraus als Vorleser auch heute noch visuell präsent macht. Eine Statistik bietet schließlich in einigen Punkten eine Visualisierung der Datenmengen um den "Vorleser" Kraus an.

Zum Weiterlesen: Brigitte Stocker, Rhetorik eines Protagonisten gegen die Zeit. Karl Kraus als Redner in den Vorlesungen 1919 bis 1932, Wien 2013; Christian Wagenknecht, Chronologisches Verzeichnis, in: Kraus Hefte 35/36, Oktober 1985. Zu Kraus' frühen Vorlesungen und dem Beginn seiner Vorlesetätigkeit ab 1910 vgl. Karl Kraus als Vorleser. Faksimile-Edition einer Schrift, die Karl Kraus nie ausgegeben hat. Mit einem Nachwort "Geschriebene Schauspielkunst" herausgegeben von Leo A. Lensing, Tübingen 2007. Zahlreiche Publikumsstimmen versammelte Friedrich Pfäfflin in: Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern, herausgegeben von Friedrich Pfäfflin, Göttingen 2008. Auch Martina Bilke ging in ihren "Zeitgenossen der Fackel" (München 1981) auf Publikum und Organisation der Vorlesungen ein. Weiters brachten die Kraus-Hefte immer wieder "Ohrenzeugenberichte" der Vorlesungen (vgl. u.a. Heft 37, Januar 1986).

DIE RECHTSPERSON

In einem nächsten Schritt (bis Dezember 2017) wurde die Rolle "Die Rechtsperson" Karl Kraus ausgearbeitet: Die Grundlage hierfür bildete die Sammlung Prozessakten Oskar Samek / Karl Kraus (ZPH 1545), die von der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus im Jahr 2012 intern übernommen und in 15 Folioboxen neu geordnet wurde. Grundsätzlich orientierte sich die Neuordnung des Bestandes an der Publikation Karl Kraus contra ...: die Prozeßakten der Kanzlei Oskar Samek in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, bearb. u. kommentiert von Hermann Böhm, Wien, Wiener Stadt- u. Landesbibliothek, Bd. 1-4, 1995-1997, die fast den gesamten Bestand verlistet. Darin nicht detailliert aufgelistetes Material wurde als Beilage zum jeweiligen Akt aufgenommen beziehungsweise mit einer neuen Nummer versehen (204–215).

Die etwa 4000 Schriftsätze, Briefe und Zeitungsartikel ("Objekte") des Bestandes wurden gescannt und bilden als Samek-Akten - verknüpft mit Personen, Institutionen und Orten - das Hauptkorpus der Darstellung. Kraus hielt erst eine reformierte Gerichtsbarkeit nach 1918 für geeignet, seine "öffentliche Popularklage" in der Fackel zu unterstützen. In den Jahren der österreichisch-ungarischen Monarchie führte er seinen "Kampf ums Recht" weitgehend abseits der Gerichte, auch wenn es einige Frühe Prozesse gab. Ab 1922 wurde der Rechtsanwalt Oskar Samek, wie er in O-Ton berichtet, zum wichtigsten Verbündeten dabei, Ungerechtigkeit nicht mehr nur in der Fackel an-, sondern auch vor Gericht einzuklagen - von der kleinsten Berichtigung bis zu den großen Polemiken der Zwischenkriegszeit. So wollten Kraus und Samek etwa auch Emmerich Békessy, den Herausgeber des Boulevardblattes Die Stunde, und den Polizeipräsidenten Johann Schober vor Gericht bringen und legten riesige Materialsammlungen gegen sie an. Im Falle Békessys gelang es allein durch die Vorbereitung von Anklagen solchen Druck aufzubauen, dass "der Schuft" aus Wien floh. Durch das Tagging der Paragraphen und Delikte kann Kraus' "Drang zu activer Klageführung" erstmals quantitativ vermessen werden (siehe auch Statistik) und bietet so neue Perspektiven nicht nur für die Kraus-Forschung, sondern auch für die Rechtsgeschichte des deutschsprachigen Raumes.

Zum Weiterlesen: Edward Timms, Der Kampf ums Recht, in: ders., Karl Kraus. Die Krise der Nachkriegszeit und der Aufsteig des Hakenkreuzes, Weitra 2016, 327–342; Reinhard Merkel, Strafrecht und Satire im Werk von Karl Kraus, Frankfurt am Main 1983; »Ich bin ja nur deshalb ein Lump, weil der andere sich ärgert«. Vom Schimpfen, Schmähen und Polemisieren..., in: Marcel Atze/Volker Kaukoreit (Hg.):»Erledigungen« [= Sichtungen 14/15], Praesens-Verlag, Wien 2014, 138–171.

DER FALSCH ZITIERTE

Die dritte Rolle basiert nicht auf Materialien aus dem Kraus-Archiv, sondern auf einem Netzwerk der Forschung zu Kraus, das sich um das Archiv gebildet hat. Es hatte in der Kraus-Forschung schon immer Tradition (etwa in den Kraus-Heften) sich auszutauschen und gemeinsam Fragen zu Texten, Materialien, Personen zu beantworten. Lange waren in diesen Austausch auch noch Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von Kraus eingebunden. Die frühe Digitalisierung der Kraus’schen Texte hat diese Diskurse auch früh ins Netz verschoben. So hat sich etwa um den Philosophen Gerald Krieghofer (auf twitter @krieghofer) eine Kraus-Community versammelt, die falsch zugeschriebenen und entstellten Karl-Kraus-Zitaten nachgeht und auch andere Aktivitäten um Kraus mitverfolgt.

Über die bisher von Gerald Krieghofer identifizierten "Karl-Kraus"-Falschzitate, die über verschiedene Personen oder Institutionen wiederum mit den anderen beiden Rollen interagieren, will "Karl Kraus-Online" an die Lebendigkeit dieser Diskussionen anschließen und dazu beitragen.

Zum Weiterlesen: ...

"Karl Kraus Online" ist ein Experiment und bleibt ein Work-in-Progress, das zahlreichen vorgängigen Projekten und vielen Personen zu Dank verpflichtet ist. Alle Personen beziehungsweise Alle Institutionen wurden durch die GND soweit als möglich klar identifiziert, um das Projekt offen und anschlussfähig zu halten. Für weiterführende Hinweise auf fehlerhafte Verlinkungen, Transkriptionen, Falschzitate und/oder Personen, die die Vorlesungen besuchten und/oder in Rechtsfällen eine Rolle spielten sowie für andere Anregungen durch Userinnen und User sind wir dankbar (siehe: Kontakt)!

Katharina Prager, Brigitte Stocker, Gerald Krieghofer - Wien, Dezember 2017