Die Rechtsperson

Der Vorleser

1892/1910 - 1936

Seiten

11. Vorlesung am 01.02.1911

01.02.1911
Wien

[Karl Kraus las im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines.] Die Vorlesung vom 1. Februar brachte — vor überfülltem Saal — das in drei Teilen absolvierte Programm: Aphorismen, Der Traum ein Wiener Leben; Aphorismen, Der Biberpelz; Erdbeben, und zwei Zugaben: Das Ehrenkreuz, Die Malerischen. [Die Fackel 317-318, 28.02.1911, 42] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

Rezension des Ton und Wort

In einer Zeit, da man Weichgehirnen, Schmöcken und Durchschnittsqualitäten an vielen baufälligen Altären ranzig gewordene Weihrauchkerzen anzündet, wäre es das gute Recht einer starken Persönlichkeit, auf derlei kritische Parfüms zu verzichten. Es ist aber nicht die Pflicht der allgemeinen kritischen Bekleidungsindustrie, die Uniformlieferung deshalb zu verweigern, weil sich in den Lagerbeständen nichts Passendes findet, oder weil man aufs Maßnehmen nicht eingerichtet ist.

Signatur: 
L-137743

12. Vorlesung am 07.03.1911

07.03.1911
Wien

[Kraus las im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines.] Am 7. März hat der zweite Leseabend stattgefunden, wieder vor einem übervollen Saale. Der Erfolg übertraf noch den des ersten. Zum Programm: Aphorismen, Der Traum ein Wiener Leben, Die Chinesische Mauer und Erdbeben, mußten sieben Stücke zugegeben werden und zwar die Glossen: Wozu, Eine Kollektion Ansichtskarten, Zur Erleichterung des Lebens, ferner die Antoniusrede aus der »Forumszene«, Das Ehrenkreuz, Ein Abend beim bulgarischen Königspaare (der Münz-Trilogie erster Teil) und Der kleine Korngold.

13. Vorlesung am 15.03.1911

15.03.1911
Prag

[Karl Kraus las  im Zentral-Saal.] In Prag wurde die zweite Vorlesung am 15. März veranstaltet. Nicht von der Deutschen Lese- und Redehalle, die den größten Wert auf die Wiederholung der ersten gelegt hatte. Es mußten damals so viele Leute abgewiesen werden, daß man fürchtete, sie wieder nicht alle unterzubringen, und die, die dabei gewesen waren, schienen von tiefer Reue erfaßt. Vielleicht, weil sie einsahen, daß man, wenn das so weiter ginge, mit mir jeden Abend Erfolg haben könnte, vielleicht weil ein einflußreicher Prager Lyriker es dann »jeden Früh« in der Zeitung hätte lesen müssen.

Rezension des Prager Tagblatt

.... Es kann nicht schaden, wenn in einer Zeit, die aus Mangel an eigener Schöpferkraft allzu Vieles konserviert und »rettet«, einer auftritt, der den Mut hat, traditionelle Werte umzustoßen; Ungerechtigkeiten, die dabei unvermeidlich sind, korrigieren sich rasch und das Positive einer solchen Tat, wenn sie von einem Kraftvollen geleistet wird, tröstet über die Mißverständnisse, die sie bei einem philiströsen Publikum hervorrufen könnte.

Signatur: 
L-137743