Die Rechtsperson

Der Vorleser

1892/1910 - 1936

Seiten

Rezension des Prager Tagblatt

Ein übervoller Saal; auf den Sitzen elegantes Damenpublikum, längs der Wände, Kopf an Kopf, in enggeschlossenen Reihen junge und ältere Männer, Studenten, Künstler, Schriftsteller, Kaufleute. An der Kassa und in der Garderobe ein fürchterliches Gedränge; an zweihundert Personen, die Karten verlangen, müssen abgewiesen werden. Dies das äußere Bild des vorgestrigen Kraus-Abends, des vierten seit zwei Jahren.

Rezension der Bohemia

Karl Kraus, der Thersites des Wiener Feuilletons, las gestern wieder einmal in Prag. Im Palacehotel versammelte er seine Schätzer und alle die, welche noch außerdem an dem scharfzüngigen Polemiker und Aphoristiker ein Interesse nehmen. Man hörte zunächst einige Szenen aus Nestroys Posse »Die beiden Nachtwandler«, die der Wiener Satiriker wohl aus Sympathie für die grotesken Sittenzeichnungen dieses vormärzlichen Wiener Daumiers gewählt hatte und mit behaglicher Versenkung in alle Details menschenverachtender Schilderung menschlicher Niederträchtigkeit vorlas.

Rezension der Reichspost

Mit nur eigenen Schriften bestritt Karl Kraus seine am 7. d. im Beethovensaale abgehaltene Vorlesung. Nebst kleineren Glossen bekam man »Die chinesische Mauer«, »Das Erdbeben« und »Die neue Art des Schimpfens« zu hören. Die Mühelosigkeit, mit der sich diesem Vorleser allerorten die größten Säle füllen, hat etwas unstreitbar Grandioses an sich. Auch am letzten Freitage waren so viele Hunderte zusammengeströmt, als der Saal nur irgend fassen konnte, von keiner anderen Werbetrommel zusammengerufen, als von der dem Ereignisse innewohnenden Bedeutung.

Rezension der Münchner Zeitung

R. B. [...] Kraus hat vor vielen andern Satirikern eines unbedingt voraus: den Mut zum Kühnsten, Gewagtesten, ja schier Unmöglichen. [...] Und es ist deshalb kein Wunder, daß er der grimmigsten Feinde ein ganzes Heer wider sich hat. Aber auch die Zahl seiner Freunde wächst von Jahr zu Jahr. Und wenn ihn die einen wegen seines Wahrheitsmutes lieben, so tun es die andern um seines glänzenden Geistes willen, der sich in einem blitzenden, originellen, witzigen, jedes Ding bei der Wurzel fassenden Stil offenbart.

Rezension der Wage

Am Mittwoch veranstaltete Karl Kraus im kleinen Musikvereinssaal seine sechste Vorlesung in dieser Saison vor einem zahlreich erschienenen Publikum. Die erste Abteilung war Peter Altenberg gewidmet und brachte ein Anzahl der schönsten Skizzen aus seinem jüngsten Buche »Semmering 1912«. Kraus war ebenso bedeutend in der Herausarbeitung der lyrischen wie der komischen Elemente und hat »diese von Gott autorisierte Übersetzung des Menschen in die Sprache« mit allen Feinheiten seiner ungewöhnlichen Vortragskunst interpretiert.

Signatur: 
L-137743
AutorInnen: 

Rezension der Reichspost

(Letzte Krausvorlesung.) Am 20. Mai hielt Karl Kraus im Beethovensaale seine letzte Vorlesung. Der ausverkaufte Saal, die flammende Begeisterung der Zuhörer, ihr unermüdlicher Beifallsjubel — all dies sind so regelmäßige Begleiterscheinungen jeder Krausvorlesung, daß es überflüssig erscheint, darüber immer wieder zu berichten. Auch über Karl Kraus selbst, über die grandiose Art seines Vortrages und über den hohen sittlichen Wert des Vorgetragenen nach jeder einzelnen Vorlesung zu berichten, fällt einigermaßen schwer.

AutorInnen: 

Rezension der Staatsbürger-Zeitung

Einem witzigen Spötter erwarteten wir zu begegnen, und vor uns trat ein Ungeheuerlicher. Man muß an ägyptische Königsmasken denken angesichts dieser schneidenden Grausamkeit, in der nichts Niedriges sich verbirgt, dieser gehämmerten Erscheinung fanatischer Verachtung, aus der durch alle überlegene Eleganz des Hohnes ein überwältigender Kulturwille spricht. Er wendet sich gegen das Halbe und Hemmende, am schärfsten gegen die Kulturheuchelei, ob sie nun Harden, Richard M.

Signatur: 
L-137743

Rezension des Dresdner Anzeiger

Vergangenen Dienstag stellte sich uns im Künstlerhause ein Wiener vor, den wir bald als anregenden Plauderer und sinnigen Spötter kennen lernten. Seine erste Vorlesung Der Traum, ein Wiener Leben, erinnerte im Aufbau mit seinen grotesken Formen an Ettlingers Fräulein Tugendschön. Für den, der die österreichischen Verhältnisse nicht genau kennt, war es schwer, Karl Kraus durch seine wüste Traumphantasie zu folgen. Hinter einem scheinbar grausigen Wirrwarr verbarg sich aber grimmiger Spott.

Rezension der Dresdener Zeitung

Der Wiener Schriftsteller Karl Kraus genießt in dem engeren Bezirk seines journalistisch satirischen Wirkens den Ruf eines schrecklichen Drachentöters. Nun hat man ihn am Vorlesetisch im kleinen Saale des Künstlerhauses gesehen und findet ihn gar nicht so wild und fürchterlich. Ein klarer, heller Kopf mit satirischer Veranlagung, der die AngriffsfIächen des öffentlichen, kommunalen und politischen Lebens mit Pfeilen spickt. Den Wienern mag wohl manchmal die Haut jucken. Aber etwas Dämonisches und Abgründiges ist nicht in seiner ganzen Art zu entdecken.