Die Rechtsperson

Der Vorleser

1892/1910 - 1936

Seiten

Rezension der Staatsbürger-Zeitung

Einem witzigen Spötter erwarteten wir zu begegnen, und vor uns trat ein Ungeheuerlicher. Man muß an ägyptische Königsmasken denken angesichts dieser schneidenden Grausamkeit, in der nichts Niedriges sich verbirgt, dieser gehämmerten Erscheinung fanatischer Verachtung, aus der durch alle überlegene Eleganz des Hohnes ein überwältigender Kulturwille spricht. Er wendet sich gegen das Halbe und Hemmende, am schärfsten gegen die Kulturheuchelei, ob sie nun Harden, Richard M.

Signatur: 
L-137743

Rezension des Dresdner Anzeiger

Vergangenen Dienstag stellte sich uns im Künstlerhause ein Wiener vor, den wir bald als anregenden Plauderer und sinnigen Spötter kennen lernten. Seine erste Vorlesung Der Traum, ein Wiener Leben, erinnerte im Aufbau mit seinen grotesken Formen an Ettlingers Fräulein Tugendschön. Für den, der die österreichischen Verhältnisse nicht genau kennt, war es schwer, Karl Kraus durch seine wüste Traumphantasie zu folgen. Hinter einem scheinbar grausigen Wirrwarr verbarg sich aber grimmiger Spott.

Rezension der Dresdener Zeitung

Der Wiener Schriftsteller Karl Kraus genießt in dem engeren Bezirk seines journalistisch satirischen Wirkens den Ruf eines schrecklichen Drachentöters. Nun hat man ihn am Vorlesetisch im kleinen Saale des Künstlerhauses gesehen und findet ihn gar nicht so wild und fürchterlich. Ein klarer, heller Kopf mit satirischer Veranlagung, der die AngriffsfIächen des öffentlichen, kommunalen und politischen Lebens mit Pfeilen spickt. Den Wienern mag wohl manchmal die Haut jucken. Aber etwas Dämonisches und Abgründiges ist nicht in seiner ganzen Art zu entdecken.

Rezension der Dresdener Zeitung

Karl Kraus, den man seiner Herkunft nach immerhin einen Wiener nennen muß, las gestern im kleinen Künstlerhaussaale aus seinen Werken vor. Zu ihrem Verständnis wird wenigstens einige Vertrautheit mit der Atmosphäre Wiens vorausgesetzt, denn Karl Kraus ist der frenetischeste Widersacher seiner Landsleute, dieses ganzen Menschenschlags, der Behörden, der Kulturschlamperei, und geht bei seinen Betrachtungen, wie gebannt, zumeist von ihnen aus.

Rezension der Münchener Neuesten Nachrichten

Seit etlichen Jahren, wenn es auf den Frühling zugeht, kommt Karl Kraus aus Wien. Und die nicht allzu große, aber begeisterte Gemeinde, die er hier besitzt, versammelt sich mit starken Erwartungen. Immer wieder fesselt das Schauspiel, diesen großen Hasser sich an den zahllosen Gegenständen seines Ingrimms entzünden und sich in die wildeste und heute denkbar konsequenteste Opposition zu einem Zeitalter setzen zu sehen, das er verachtet.

Rezension der Neuen Badischen Landeszeitung

.... Seine Formphantasie beschwingt die Realien und hebt sie in eine Sphäre, in der die Tore zum Visionären sich entriegeln und in der deshalb auch das Illusionäre der Gestaltung das Tatsächliche wertlos und gleichgiltig macht. Kraus’ Kunst der Darstellung verschwendet sich an die kleinen und kleinsten Vorwürfe, formt aber aus ihnen Gebilde, die so lebenskräftig sind, daß man ihres Ursprungs und Anlasses vergißt. Und daß man sie als Resultate und Aufgipfelungen einer ganzen Zeit empfindet.

Rezension der Neuen Badischen Landeszeitung

[...]Bezwungen und darum bezwingend fließen ihm die Sätze aus der Feder — blitzblank; Waffe, Licht und Spiegel! [...] Diese Wirkung wird noch deutlicher, wenn Kraus sein geschriebenes Wort liest. Dann beglaubigt das gesprochene Wort das geschriebene und legitimiert es vollends als eigenbürtigste und souveränste Potenz. Und dann fühlt man auch, bis zu welchen Erschütterungen die Blutsverbindung dieses Künstlers mit seiner Sprachform und ihrem Ideengehalt reicht [...] Das ist vielleicht einer der sinnfälligsten Beweise für die unerhörte schriftstellerische Vitalität Kraus’.

Rezension des Mannheimer Tageblatt

[...] Es ist kaum möglich, eine Formel für die Erscheinung dieses zornmütigen Lichtsuchers und Lichtbringers zu finden, der auf den sehr bürgerlichen Namen Karl Kraus hört, — einen Namen, den gewiß Hunderte außer ihm führen und der seit fünfzehn Jahren wie ein Kampfruf klingt. Ein Satiriker? Nein! Ein Volkserzieher! [...] Er hatte das wundervolle Instrument seiner Sprache — und seit ein paar Jahren reißt er zu den Wirkungen des gedruckten Wortes auch die des gesprochenen an sich. Die jungen Menschen in Österreich gehören fast alle ihm.

Rezension des Mannheimer Tageblatt

[...] Die Stunde bei ihm wurde zur Feierstunde. Die wenigen, die gekommen waren, werden sie sicher in dankbarer Erinnerung behalten; für mich wenigstens wurden seine Erkenntnisse und Bekenntnisse zu einer Offenbarung und seine Art, vorzutragen, zu einem Erlebnis. M. T.

[Mannheimer Tageblatt, 16.02.1914 zitiert in: Die Fackel, 395-397, 28.03.1914, 40] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

 

Rezension der Volksstimme Mannheim

[...] Aus Alltäglichkeit, Zeitungen, einlaufenden Briefen, Straßengeschrei schöpft dieser Redner, dieser Dichter, dieser Künstler der Sprache ein gewaltiges Werk von selbstverständlichem Spott, der aber durch die Wahrheit der Tatsachen zum entsetzlichen Ernst wird. Wo wir anfänglich noch lachten, erstarrt allmählich unsere Miene zur Scham, einer Zeit anzugehören, die den Anspruch auf Kultur macht, die aber ihre Kultur gerade ins Gegenteil umsetzt.