Die Rechtsperson

Der Vorleser

1892/1910 - 1936

Erinnerung von Willy Haas

Daran, daß Karl Kraus in Prag den Eingang zu unseren Kreisen fand, war ich selbst der Hauptschuldige: Ich selbst hatte ihm diesen Eingang weit geöffnet.  Ich hatte damals ein Amt bei einem Prager deutschen literarischen Studentenverein, das mir ermöglichte, Vorlesungen in einem Saal zu veranstalten. Ich lud als ersten Karl Kraus ein, dessen „Fackel“ ich seit Jahren las, und der in Wien ein paar sehr erfolgreiche Vorlesungen aus seinen Schriften gehalten hatte. Karl Kraus kam – es war seine erste Vorlesung im alten Prag.

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Erinnerung von Alban Berg

Zu den schönsten Abenden dieser Saison gehörte die letzte Krausvorlesung in der er außer fast allen Glossen der letzten Fackeln, den Neger, den Mord an der Prostituierten, den Biberpelz, einen Theil jener Briefe vorlas, die er im Lauf von 15 Jahren erhielt und die er in einer Auslese von 300 Stück (im ganzen sinds circa 30.000 meistens anonyme) in Buchform erscheinen lassen wird. Er las sie immer in solcher Reihenfolge, daß der Ausdruck niedrigster Schmähungen mit dem höchste Begeisterung wechselte. [...] Der kleine Musikvereinssaal war so voll wie ich ihn noch nie sah.

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Erinnerung von Salka Viertel

Der Saal war brechend voll, als wir dort eintrafen. Kraus kam aufs Podium, ein zerbrechlich wirkender, grauhaariger Mann; er wirkte leicht gebeugt, eine Schulter war etwas höher als die andere. Als er zu sprechen begann, überraschte die Kraft und die Klangfülle seiner Stimme, ihre hinreißende Modulationsfähigkeit, ihre unglaubliche Lebendigkeit. Er hatte ein klares, scharf geschnittenes Gesicht; das ausdrucksstarke Spiel seiner Hände fiel auf.

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Erinnerung von Ferdinand Ebner

In den bewegten Tagen des November 1918 hörte ich zum erstenmal eine Kraus-Vorlesung. [...] Wir hatten vortreffliche Sitze, ganz knapp vor dem Podium. Zunächst unterhielten wir uns mit Loos. Dann kam Kraus – und ich war sehr enttäuscht, nicht nur von seinem Äußeren. [...] Mir mißfiel die Stimme und das Pathos, mit dem er seine Gedichte las.

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Erinnerung von Bruno Frei

Die roten Halbbogenplakate an den Litfasäulen zogen mich magisch an. Die fettgänzenden schwarzen Lettern hatten seit einiger Zeit Gewalt über mich. Es war wie ein geheimes Zeichen, verständlich nur den Eingeweihten, die an der Entrückung teilhaben durften: „Vorlesung Karl Kraus“. ...

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Erinnerung von Ernst Krenek

Es muss um diese Zeit gewesen sein, daß ich Karl Kraus zum ersten Mal öffentlich lesen hörte. Er las im Großen Konzerthaussaal, der ungefähr 2400 Sitzplätze hat, für die Wiener Jugend „König Lear“. Kraus füllte den Saal mühelos mit seiner phänomenalen Stimme, mehr als drei Stunden lang – und natürlich gab es 1919 noch keine Lautsprecher. Die Lesung hatte eine so starke Wirkung auf mich, wie ich sie später bei keiner Bühnenaufführung der shakespearschen Tragödie mehr erlebt habe.

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Erinnerung von Kurt Wolff

„Eine andere Begegnung, an die ich mich erinnere, ist ein Besuch von Kraus in München, Ende Januar 1920. Er hielt damals seine Vorlesungen aus eigenen Schriften, im ... Saal des Kurt Wolff Verlags ... Der Saal, der etwa 150 Personen faßte, war gestopft voll. Nach der Vorlesung (die nicht öffentlich war, sondern für die ich Einladungen verschickt hatte) reichte Kraus nur einem einzigen Anwesenden die Hand: Theodor Haecker.“

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Erinnerung von Elias Canetti

„Am 17. April 1924 fand die 300. Vorlesung von Karl Kraus statt. Der Große Konzerthaussaal war dazu vorbestimmt worden... Bald kam Karl Kraus selbst und wurde von einem Beifall begrüßt, so stark wie ich ihn noch nie, nicht einmal bei Konzerten erlebt hatte.

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Erinnerung von Rudolf Fernau

Eine fast klein zu nennende Gestalt mit etwas hochgezogener linker Schulter, einem versenkten Privatgelehrtengesicht und verhängten Augen hinter dicken Brillengläsern setzt sich unter tosendem Willkomm-Applaus, den er nur mit einem lässig beiläufigen Kopfnicken registrierte, an den Vorlesetisch. Alarmiert spitzte ich die Ohren, als er begann. Wo und wann war dieser nasale Fanfarenton schon an mein Ohr gedrungen? Wo hatte ich dieses erregende Stimmtimbre schon gehört und noch nicht vergessen?

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